Di.Day in Büdelsdorf: Gemeinsam digital unabhängig werden
Seit Juni 2026 treffe ich mich einmal im Monat in der Stadtbücherei Büdelsdorf mit Menschen, die ihr digitales Leben ein Stück unabhängiger gestalten wollen. Wir richten gemeinsam Mastodon-Konten ein, probieren LibreOffice aus, installieren Linux und legen Passwortmanager an. Das klingt nach Technik, mein eigentlicher Antrieb ist aber ein anderer, ich möchte, dass meine Kinder in einer Demokratie aufwachsen, in der nicht eine Handvoll Konzerne bestimmt, worüber wir reden und wie wir miteinander reden.
Was ist der Di.Day?
Der Digital Independence Day geht auf eine Idee von Marc-Uwe Kling zurück, die er am 27. Dezember 2025 auf dem 39. Chaos Communication Congress vorgestellt hat. Der Gedanke ist einfach: Der Umstieg auf freie, datenschutzfreundliche Alternativen fällt leichter, wenn man ihn nicht allein macht. Deshalb sollen überall regelmäßig Wechselpartys stattfinden, bei denen man sich gegenseitig hilft. Auf di.day gibt es dazu Termine aus ganz Deutschland und die Wechselrezepte: kurze Schritt-für-Schritt-Anleitungen, etwa von Chrome zu Firefox, von WhatsApp zu Signal oder von Windows zu Linux Mint.
Warum das etwas mit Demokratie zu tun hat
Das Internet war einmal als Netz gedacht, das Menschen weltweit verbindet, Wissen frei zugänglich macht und Meinungsvielfalt ermöglicht. Heute läuft ein großer Teil unserer Kommunikation über wenige zentrale Plattformen, und deren Geschäftsmodell ist unsere Aufmerksamkeit. Je länger wir bleiben, desto mehr Werbung lässt sich verkaufen. Belohnt werden deshalb Inhalte, die starke Gefühle auslösen: Wut, Angst und Empörung. Was polarisiert, verbreitet sich. Was abwägt, geht unter.
Dazu kommt die Frage, wem diese Räume gehören. Die Regeln einer Plattform ändern sich, wenn es ihrem Eigentümer passt, und wir haben dabei kein Mitspracherecht, nur die Wahl zu gehen. Spätestens seit Anbieter Dienste aus politischen Gründen sperren und Faktenchecks einfach einstellen, ist klar: Digitale Abhängigkeit ist nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit. Sie berührt, wie frei sich eine Gesellschaft informieren und austauschen kann.
Es geht auch anders. Im Fediverse gehören Netzwerke wie Mastodon, PeerTube oder Pixelfed niemandem allein. Viele unabhängige Server, betrieben von Vereinen, Initiativen und Privatleuten, sprechen über ein offenes Protokoll miteinander, so wie bei E-Mail. Es gibt keinen Algorithmus, der Empörung belohnt, und wer den Server wechseln möchte, nimmt seine Follower mit. Das Land Schleswig-Holstein zeigt, dass das nicht nur etwas für Technikbegeisterte ist: Es betreibt eine eigene Mastodon-Instanz und stellt seine Verwaltung auf LibreOffice und Linux um.
Die Angst vor IT nehmen
Der Di.Day ist aus meiner Sicht für alle Menschen da, ganz gleich, wie viel sie über Computer wissen. Wer noch nie ein Programm installiert hat, ist genauso willkommen wie jemand, der seit Jahren mit Linux arbeitet. Gerade diese Mischung macht die Treffen aus: Alle lernen voneinander, und keine Frage ist zu einfach. Digitale Souveränität heißt für mich zweierlei: selbstständig sein, also wissen, wie etwas geht, und selbstbestimmt sein, also wirklich entscheiden können, statt in einem System festzustecken. Beides lernt man nicht durch Vorträge allein, sondern durch Ausprobieren.
Die Termine waren bisher stark Theorie lastig, wurden jedoch parktisch sobald Fragen gestellt wurden. Themen waren unter anderem.
- Linux erst einmal vom USB-Stick starten, im Live-Modus, ohne am Rechner etwas zu verändern. Oder gleich in einer virtuellen Maschine, einem Computer im Computer, den man einfach wieder löscht, wenn er nicht gefällt.
- Kein Schritt ohne Backup. Wer installieren möchte, sichert vorher seine Daten, und wir können gemeinsam prüfen, ob sich das Backup öffnen lässt.
- Klein anfangen. Beim Passwortmanager reichen für den Anfang die zehn wichtigsten Konten. Sicherheit ist keine Frage von „ganz oder gar nicht“, jeder Schritt zählt.
- Niemand bleibt allein. Wer hängen bleibt, bekommt Hilfe.
Am schönsten finde ich die Momente, in denen wir merkten, das war ja gar nicht so schwer. Ich wünsche mir, das aus Unsicherheit Neugier wird und aus Neugier neue Fragen entstehen für die nächsten Termine.
Open Source als gemeinsames Gut
Fast alles, was ich bei den Treffen nutze, ist freie Software: Linux, LibreOffice, Firefox, Thunderbird, KeePassXC, Mastodon. Ihr Quellcode ist offen, jede und jeder darf ihn ansehen, prüfen, verbessern und weitergeben. Freie Software und offene Netzwerke gehören niemandem allein, und genau das macht sie zu etwas, das einer Demokratie ähnelt: Sie lebt davon, dass viele mitmachen.
Mir ist dabei wichtig, ehrlich zu bleiben. Nicht jede Alternative ist in jedem Punkt besser geeignet und nicht jeder soll alles umstellen. Manche wechselt nur die Suchmaschine, andere steigen ganz auf Linux um. Beides ist gut. Es geht nicht um Verzicht, sondern darum, überhaupt wieder eine Wahl zu haben. Auch die Materialien der Treffen sind deshalb offen: Alle Folien liegen unter der freien Lizenz CC0 in einem öffentlichen Repository und dürfen gern für eigene Veranstaltungen genutzt werden.
Vernetzen: IT-Menschen gesucht
Der Di.Day lebt aus meiner Sicht von zwei Gruppen, die sonst oft wenig miteinander zu tun haben. Menschen, die Unterstützung suchen, und Menschen, die sich mit IT auskennen. Wenn du beruflich oder privat mit Linux, Netzwerken, Self-Hosting oder Open Source zu tun hast, bist du herzlich eingeladen. Es braucht keinen eigenen Vortrag. Schon eine zusätzliche Person, die beim Einrichten über die Schulter schaut, macht einen großen Unterschied.
Umgekehrt profitieren auch wir IT-Menschen: Wer einmal erlebt hat, an welchen Stellen Einsteigerinnen und Einsteiger wirklich hängen bleiben, erklärt danach anders, baut Software anders und versteht besser, warum „ist doch ganz einfach“ meistens nicht stimmt. Und ganz nebenbei entsteht ein Netzwerk vor Ort, das über einzelne Termine hinaus trägt.
Was wir bisher gemacht haben
- 06.06.2026: Wem gehört das Internet? Big Tech, zentrale soziale Netzwerke und offene Alternativen
- 18.07.2026: Digitale Unabhängigkeit in der Praxis. Mastodon-Konto einrichten und LibreOffice kennenlernen
- 15.08.2026: Di.Day Büdelsdorf. Mastodon-Konten einrichten und Linux installieren
- 19.09.2026: Digitale Unabhängigkeit in der Praxis. Linux Mint installieren und einen Passwortmanager nutzen
- 17.10.2026: Digitale Unabhängigkeit in der Praxis. Digitale Souveränität, openSUSE in einer virtuellen Maschine und die Wechselrezepte
Folien und Handouts zu allen Terminen gibt es im di.day-Repository.
Mitmachen
Der nächste Termin ist am Samstag, 14. November 2026, von 10 bis 12 Uhr in der Stadtbücherei Büdelsdorf. Alle weiteren Termine stehen im Veranstaltungskalender. Vorwissen braucht es nicht, ein eigener Laptop oder ein Smartphone ist aber hilfreich.
Wer nicht bis zum nächsten Treffen warten möchte, sucht sich ein einfaches Wechselrezept aus und probiert es einfach aus und berichtet dann hoffentlich gerne von der Erfahrung. Fragen, Ideen und Hilfsangebote nehme ich gern auf Mastodon oder per Matrix unter @rev110:matrix.org entgegen.
Demokratie ist nichts, was man einmal hat und dann behält. Sie lebt davon, dass Menschen sich austauschen, einander helfen und mitreden können, auch digital. Der Di.Day ist mein kleiner Beitrag dazu.
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